Eine Bewegung zu beherrschen und ihr wirklich zu vertrauen, sind zwei verschiedene Dinge. Genau deshalb gehört zum Kampfkunsttraining mehr als Kraft, Schnelligkeit und Wiederholung. Wir müssen auch die Vorstellungen überprüfen, aus denen heraus wir handeln.
Du kannst eine Technik monatelang üben. Du kannst richtig gut darin werden. Und trotzdem passiert es: Sobald nichts mehr abgesprochen ist, reagierst du völlig anders.
Im Drill funktioniert alles. In der freien Situation ist die Bewegung plötzlich weg. Bedeutet das automatisch, dass du zu wenig trainiert hast? Nicht unbedingt. Vielleicht hast du die Technik körperlich gelernt, aber innerlich noch gar nicht angenommen.
Stell dir eine einfache Situation im Dojo vor: Ich stehe dir gegenüber und komme plötzlich nach vorne. Wir haben nicht abgesprochen, was du machen sollst. Du reagierst einfach.
Wenn ich dich anschließend frage, warum du genau das getan hast, lautet die Antwort vielleicht: intuitiv. Du hast nicht lange nachgedacht. Es fühlte sich in diesem Moment nach der passenden Reaktion an.
Okay. Aber was bedeutet intuitiv eigentlich?
Für unsere Arbeit im Training lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Deine bisherigen Erfahrungen, deine Glaubenssätze und deine Vorstellungen darüber, wie etwas funktioniert, prägen deine Reaktion. Diese grundlegenden inneren Annahmen nenne ich Paradigmen.
Damit meine ich deine innere Ordnung: So sind die Dinge. So funktioniert ein Angriff. So schütze ich mich. In dieser Situation mache ich das, in jener Situation etwas anderes.
Besonders deutlich werden solche Muster, wenn keine Zeit zum bewussten Überlegen bleibt. Sie wirken aber auch im Alltag, selbst wenn du Zeit hast, eine Entscheidung abzuwägen. Du denkst schließlich nicht unabhängig von deinen Überzeugungen nach, sondern häufig innerhalb dieser Überzeugungen.
Wenn du also deine Reaktionen grundlegend verändern möchtest, reicht es nicht immer, eine neue Bewegung hinzuzufügen. Du musst auch untersuchen, ob deine bisherigen Vorstellungen diese Bewegung überhaupt zulassen.
Viele Menschen verbinden Kampfkunsttraining zuerst mit körperlichen Fähigkeiten:
Das ist alles gut. Und es ist alles wichtig. Die Frage ist nur: Was davon dominiert dein Training so sehr, dass du die innere Seite gar nicht mehr beachtest?
Du kannst dieselbe Bewegung wiederholen, bis die Beine schwer werden und du außer Atem bist. Dann hast du körperlich ordentlich gearbeitet. Aber dass du körperlich durch bist, heißt noch lange nicht, dass das Gelernte auch nach innen gesackt ist.
Mit jeder Technik und jedem Drill trainierst du auch deine Einstellung dazu. Oder du lässt sie unverändert, obwohl sie der neuen Bewegung im Weg steht.
Deshalb gehört für mich zu jedem neuen Prinzip die Frage: Passt das, was ich gerade lerne, zu dem, was ich innerlich für möglich, sinnvoll und zuverlässig halte?
Nehmen wir einen konkreten Drill aus unserem Jeet-Kune-Do-Training: Bridging, hier als Cutting into the Tool geübt.
Der Partner schlägt. Ich blocke seinen Angriff nicht erst ab, um anschließend selbst zu schlagen. Ich schlage aber auch nicht einfach unabhängig von seinem Angriff gleichzeitig nach vorne. Dann könnten wir uns beide treffen.
Stattdessen schneide ich mit meiner Bewegung in seinen Angriff hinein. Sein angreifender Arm wird zur Seite geführt, während meine Hand nach vorne geht. Abwehr und eigener Angriff sind dadurch in einer Bewegung verbunden.
Der Verstand kann den Nutzen schnell erkennen: Ich brauche eine Hand, um den Schlag abzuwehren und gleichzeitig anzugreifen. Die andere Hand bleibt frei. Das ist eine nachvollziehbare Lösung.
Aber logisch nachvollziehbar heißt noch nicht innerlich verfügbar.
Du kannst sagen: „Ja, das macht Sinn.“ Du kannst den Drill sauber ausführen. Wenn du dem Werkzeug trotzdem nicht wirklich vertraust, greifst du in einer freien Situation womöglich auf etwas anderes zurück. Du wehrst erst ab und schlägst dann. Oder du gehst zur Seite und konterst.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob du die Bewegung kannst. Sie lautet auch: Würdest du dich tatsächlich auf diese Lösung verlassen?
In über 30 Jahren Unterricht habe ich erlebt, dass Menschen mit einer Technik über Monate nicht warm werden. Manchmal sogar noch länger. Dafür kann es sehr unterschiedliche Gründe geben:
Diese Gründe darfst du nicht einfach in einen Topf werfen. Wenn deine Struktur nicht stimmt und der Schlag des Partners deshalb durchkommt, ist dein fehlendes Vertrauen nicht aus der Luft gegriffen. Dann gibt es etwas Konkretes zu verbessern.
Der sinnvolle nächste Schritt ist nicht, dir einzureden, dass alles hervorragend funktioniert. Er lautet: Wie verbessere ich meine Struktur? Wie komme ich zuverlässig in diese Struktur hinein? Und wie wird sie für mich unmittelbar abrufbar?
Damit arbeitest du bereits an der Verbindung zwischen körperlicher Ausführung und innerer Überzeugung. Manchmal reicht diese Verbesserung aus. Manchmal merkst du aber auch: Die Bewegung funktioniert inzwischen, und trotzdem bleibt ein inneres Nein.
Dann lohnt sich der Blick auf die tiefer liegenden Muster.
Du musst dafür nicht aufhören, praktisch zu üben. Im Gegenteil: Die Übung ist der Ort, an dem du deine Einstellung überhaupt erst genauer kennenlernen kannst.
Für jeden neuen Drill und jedes neue Prinzip kannst du folgendermaßen vorgehen:
Die zentrale Frage ist ganz einfach: Was hindert mich daran, das gut und mit Überzeugung auszuführen?
Damit wird der Drill mehr als ein Bewegungsablauf. Er gibt dir Rückmeldung darüber, was du bereits angenommen hast und wo du noch gegen dich selbst arbeitest.
Das Prinzip kennen wir aus dem Alltag. Wenn du überzeugt bist, dass ein bestimmtes Frühstück gut für dich ist, wirst du es eher wählen. Hältst du es für ungeeignet, lässt du es eher sein. Natürlich spielen auch Lust, Bequemlichkeit und andere Dinge hinein. Trotzdem orientieren wir unser Handeln häufig daran, welchen Nutzen wir erwarten.
Im Training ist das nicht anders. Eine Technik nur deshalb zu machen, weil sie dazugehört oder weil andere sie gut können, ist etwas anderes, als ihren Nutzen selbst zu verstehen und zu erfahren.
Der erste Schritt ist die Ratio. Du musst verstehen, was du tust. Beim Bridging erkennst du beispielsweise, warum die Verbindung von Abwehr und Angriff sinnvoll sein kann.
Der Verstand sagt: verstanden, gute Sache, abgehakt.
Aber damit ist der Prozess nicht abgeschlossen. Vielleicht stimmt das neue Prinzip unmittelbar mit deinen bisherigen Vorstellungen überein. Dann passt es einfach. Vielleicht findest du die Lösung aber auch gut und spürst gleichzeitig: Irgendetwas in mir will das nicht machen.
Genau diese Lücke müssen wir ernst nehmen. Intellektuelle Zustimmung ist noch keine ganzheitliche Verinnerlichung.
Mein Lehrer hat dafür den Ausdruck second nature verwendet: Es wird dir zur zweiten Natur.
Als erste Natur können wir hier die ursprüngliche, untrainierte Reaktion betrachten. Du reagierst, ohne dich mit den Möglichkeiten der Kampfkunst beschäftigt zu haben. Die Bewegung ist spontan, aber nicht unbedingt kontrolliert oder zweckmäßig.
Dann lernst du andere Wege kennen. Du erkennst, dass es cleverere und vorteilhaftere Möglichkeiten gibt, mit einer Situation umzugehen. Zunächst ist das eine Erkenntnis. Noch keine Selbstverständlichkeit.
Durch die weitere Beschäftigung findest du dich körperlich, mental und gefühlsmäßig in diese Möglichkeiten hinein. Du lernst sie nicht nur als etwas kennen, das man machen könnte. Sie werden zu etwas, das dir entspricht.
Wenn daraus zweite Natur geworden ist, musst du die Bewegung nicht mehr bewusst auswählen und zusammensetzen. Sie ist als Reaktion verfügbar.
Bruce Lee beschrieb die unmittelbare Reaktion mit dem Bild eines Echos, das auf einen Schall folgt. Dazwischen liegt kein langes Abwägen darüber, welche Technik jetzt wohl die richtige wäre.
Nur: Spontanität allein ist noch keine Qualität. Der eine reagiert spontan mit sauberem Timing und einer präzisen Bewegung. Der andere reagiert genauso spontan, aber wild und unkontrolliert.
Es geht also nicht darum, einfach alles laufen zu lassen. Es geht darum, die Prinzipien so tief aufzunehmen, dass deine natürliche Reaktion von ihnen geprägt ist, ohne dass du eine starre Vorstellung darüberlegen musst, wie die Situation gefälligst auszusehen hat.
Das ist auch ein wichtiger Bezug zu Bruce Lees Verständnis des Jeet Kune Do: Die Kunst soll dich nicht in Dogmen festhalten. Das Gelernte soll dir zur Verfügung stehen, statt dich an ein vorgegebenes Bild zu binden.
Es gibt Menschen, die sind hervorragende Drill-Weltmeister. Sobald eine Übung abgesprochen ist, läuft alles wunderbar:
Und dann kommt freie Bewegung. Nichts ist mehr abgesprochen. Die Situation wird unübersichtlich. Was eben noch hervorragend geklappt hat, lässt sich plötzlich nicht mehr umsetzen.
Die schnelle Erklärung lautet häufig: Du brauchst mehr Sparring. Du musst das einfach öfter machen.
Mir greift diese Antwort bei dem Problem, über das wir hier sprechen, zu kurz. Wenn du eine Lösung körperlich beherrschst und logisch verstanden hast, sie aber nicht frei anwenden kannst, solltest du auch prüfen, ob deine innere Einstellung noch dagegenarbeitet.
Mehr vom Gleichen löst nicht automatisch den Grund, weshalb du auf das Gelernte nicht zugreifst.
In diesem Zusammenhang betrachte ich Sparring als Prüfstand. Es zeigt dir: Wo stehe ich gerade? Was steht mir zur Verfügung? Wo hängt es?
Dabei meine ich nicht nur die offensichtlichen Fragen, ob dein Schlag kräftig genug ist oder ob du schneller werden musst. Es geht gerade um die feineren Dinge:
Wenn du diese Rückmeldung nicht untersuchst, kannst du sehr oft Sparring machen und dabei immer wieder dieselbe innere Grenze mitnehmen. Die Häufigkeit allein beantwortet nicht die Frage, warum du anders reagierst, als du es im Drill gelernt hast.
Der entscheidende Schritt besteht darin, dich mit dieser Grenze auseinanderzusetzen. Verändert sich deine innere Beziehung zum Prinzip, kann sich auch deine freie Anwendung verändern. Du versuchst dann nicht mehr nur, etwas Gelerntes in eine Situation hineinzudrücken. Du kannst es aus dir heraus abrufen.
Für mich fordert Kampfkunst eine ganzheitliche Entwicklung. Körperliche Fähigkeiten, Verständnis, Empfinden und innere Haltung gehören zusammen. Wenn wir nur einzelne Teile trainieren, bleibt auch das Ergebnis Stückwerk.
Eine rein körperliche Leistungsentwicklung kann eine anspruchsvolle sportliche Disziplin sein. Was ich mit dem Kunstaspekt meine, geht darüber hinaus: Du begegnest einer Situation angemessen mit den Prinzipien, die du tatsächlich verinnerlicht hast. Deine Handlung wird Ausdruck dessen, was in dir angekommen ist.
Bruce Lees Bild vom Schlag, der gewissermaßen von selbst geschieht, beschreibt genau dieses Ziel. Nicht Gedankenlosigkeit, sondern eine so tiefe Aufnahme des Gelernten, dass kein bewusstes Zusammensetzen mehr nötig ist.
Die Frage nach einem guten Training lautet deshalb nicht nur: Wie viele Wiederholungen habe ich gemacht? Wie erschöpft bin ich? Wie viel Kraft habe ich entwickelt?
Sie lautet auch: Was habe ich heute wirklich verstanden, angenommen und in mir verändert?
Dort beginnt der Unterschied zwischen einer Technik, die du vorführen kannst, und einer Fähigkeit, die dir zur zweiten Natur geworden ist.