Ein bekannter Ausspruch von Bruce Lee. Das Wasser galt jeher schon als Synonym für die ideale Qualität eines Kampfkünstlers. Tai Chi Chuan ist ein gutes Beispiel für diese angestrebte Wasserqualität. Was aber genau soll denn mit der Qualität des Wassers ausgedrückt werden?
Oft wird hierbei gerne die körperliche Qualität in den Vordergrund gestellt und trainiert. Hierbei ist die Eigenschaft des Fließens ein wichtiger Aspekt, der Fluss der eigenen Bewegungen zum Beispiel, in einer Kombination von Techniken die einzelnen Bewegungen fließend nacheinander auszuführen kann ein Thema sein. Auf einem anderen Level geht es dann nicht nur darum Bewegungen fließend auszuführen sondern die Qualität der Bewegung derart zu verbessern, dass möglichst alle unnötige Spannung, die ein Fließen verhindert zu vermeiden. Hierzu gibt es viele Trainingsmethoden, die hauptsächlich aus den inneren Kung Fu Stilen stammen.
„Be water, my friend“ gehört zu den bekanntesten Aussagen Bruce Lees. Kaum ein anderer Satz wird so häufig zitiert – und gleichzeitig so leicht missverstanden.
Meist wird die Qualität des Wassers mit weichen, entspannten und fließenden Bewegungen verbunden. Im Training kann das bedeuten, unnötige Spannung abzubauen, Bewegungen miteinander zu verbinden und nicht gegen jede einwirkende Kraft anzukämpfen.
Das ist wichtig. Aber es ist nur ein Teil dessen, worum es geht.
Auch eine festgelegte Technikkombination kann vollkommen fließend aussehen und dennoch starr sein. Solange der Partner genau so reagiert, wie wir es erwarten, entsteht leicht der Eindruck von Anpassungsfähigkeit. Erst wenn sich Distanz, Rhythmus, Widerstand oder Richtung verändern, zeigt sich, ob wir tatsächlich frei handeln können – oder lediglich eine eingeübte Abfolge wiederholen.
Die eigentliche Qualität des Wassers beginnt deshalb nicht bei der Bewegung. Sie beginnt bei der Wahrnehmung.
Bruce Lee beschrieb, wie er als junger Wing-Chun-Schüler trotz intensiven Trainings immer wieder an sich selbst scheiterte. Sein Ehrgeiz, sein Wille und sein starkes Bemühen standen ihm im Weg. Je mehr er versuchte, eine bestimmte Reaktion zu erzwingen, desto weniger gelang es ihm, sich wirklich auf seinen Trainingspartner einzulassen.
Sein Lehrer Yip Man forderte ihn deshalb auf, Abstand vom Training zu nehmen, sich zu beruhigen und nicht länger gegen den Moment anzukämpfen.
Während einer Bootsfahrt dachte Bruce Lee über sein Training nach. Aus Frustration schlug er in das Wasser. Doch das Wasser widersetzte sich ihm nicht. Es konnte nicht verletzt und ebenso wenig festgehalten werden. Es wich aus, schloss sich wieder und blieb dennoch wirksam. Diese Erfahrung wurde für ihn zu einem entscheidenden Bild für die Natur des Gung Fu. Bruce Lee schilderte dieses Erlebnis später selbst in einem Essay über die Natur des Wassers.
In seinem berühmten Gespräch mit Pierre Berton erklärte er 1971, dass Wasser die Form eines Gefäßes annimmt, ohne an eine bestimmte Form gebunden zu sein. Entscheidend ist jedoch ein Teil seiner Aussage, der häufig übersehen wird: Wasser kann fließen – aber es kann auch mit großer Kraft auftreffen. Das vollständige Interview mit Pierre Berton zeigt, dass Bruce Lee keineswegs bloße Nachgiebigkeit meinte.
Wasser ist nicht einfach weich. Es ist anpassungsfähig.
Bruce Lees Aufforderung, „formlos“ zu werden, wird gelegentlich so verstanden, als seien Formen, Techniken oder feste Strukturen grundsätzlich überflüssig. Doch ohne Struktur kann keine Freiheit entstehen.
Ein Anfänger benötigt zunächst klare Positionen, Bewegungsmuster und Orientierungspunkte. Er muss lernen, wie Distanz, Timing, Balance und Körpermechanik zusammenwirken. Eine Technik schafft dafür einen überschaubaren Rahmen. Sie macht ein Prinzip erfahrbar.
Problematisch wird die Form erst dann, wenn sie nicht mehr als Lernmittel, sondern als unveränderliche Antwort verstanden wird.
Jede Technik funktioniert nur unter bestimmten Voraussetzungen. Verändert sich die Situation, müssen wir entweder die Technik verändern oder sie vollständig loslassen. Wer weiterhin an der eingeübten Lösung festhält, reagiert nicht mehr auf das, was tatsächlich geschieht. Er reagiert auf seine Vorstellung davon, was geschehen sollte.
Formlosigkeit bedeutet daher nicht, keine Form zu besitzen. Sie bedeutet, von keiner Form abhängig zu sein.
Die Form ist ein Werkzeug – keine Identität.
Anpassungsfähigkeit setzt Wahrnehmung voraus. Ich kann mich nur an etwas anpassen, das ich rechtzeitig erkenne.
Im Kampf betrifft das unter anderem:
Viele ungeeignete Reaktionen entstehen nicht, weil uns eine Technik fehlt. Sie entstehen, weil wir zu spät wahrnehmen, zu früh entscheiden oder bereits innerlich auf eine bestimmte Antwort festgelegt sind.
Unter Druck wird das besonders deutlich. Wir spannen uns an, halten den Atem an, verengen unsere Aufmerksamkeit oder versuchen, unsere bevorzugte Technik gegen die Situation durchzusetzen. Genau deshalb ist Druck im Training nicht nur eine Belastung. Er ist ein diagnostisches Werkzeug.
Druck macht sichtbar, woran wir noch festhalten.
Es reicht nicht, das Prinzip des Wassers intellektuell zu verstehen. Es muss körperlich erfahren werden.
Dazu beginnt das Training zunächst mit einer klaren Struktur. Eine Bewegung wird sauber aufgebaut und ihr zugrunde liegendes Prinzip verstanden. Anschließend verändern wir schrittweise die Bedingungen: Der Partner variiert Distanz, Geschwindigkeit, Winkel, Rhythmus oder Widerstand.
Plötzlich funktioniert die ursprüngliche Technik nicht mehr unverändert.
Der Schüler steht nun vor einer Entscheidung: Versucht er, seine vorbereitete Antwort trotzdem durchzusetzen? Oder erkennt er die Veränderung und findet eine Handlung, die zur neuen Situation passt?
An diesem Punkt beginnt aus Technik eine Fähigkeit zu werden.
Eine einfache Trainingsform kann so aussehen:
Das Ziel besteht nicht darin, möglichst viele fertige Antworten zu sammeln. Es geht darum, die Fähigkeit zu entwickeln, unter veränderten Bedingungen eine passende Antwort hervorzubringen.
Anpassungsfähigkeit darf nicht mit Beliebigkeit, Nachgiebigkeit oder Unentschlossenheit verwechselt werden.
Wasser kann einem Hindernis ausweichen. Es kann es umfließen. Es kann durch kleinste Öffnungen dringen. Es kann sich sammeln und mit großer Kraft wirken. Welche Qualität sichtbar wird, hängt von den jeweiligen Bedingungen ab.
Ebenso bedeutet freies Handeln nicht, immer weich nachzugeben. Manchmal ist es richtig, eine Kraft umzulenken. Manchmal ist es notwendig, den Rhythmus zu unterbrechen, den Raum unmittelbar zu besetzen oder entschlossen zu handeln.
Direktheit und Anpassungsfähigkeit widersprechen sich nicht. Im Gegenteil: Eine Handlung kann erst dann wirklich direkt sein, wenn sie sich auf die tatsächliche Situation bezieht.
Wasser hat keine bevorzugte Technik. Aber es verliert deshalb nicht seine Wirkung.
Diese Idee reicht weit über den Zweikampf hinaus.
Auch im Alltag halten wir häufig an Antworten fest, die früher einmal funktioniert haben. Wir reagieren auf einen Konflikt immer auf dieselbe Weise, verteidigen einen Plan, obwohl sich die Bedingungen verändert haben, oder erhöhen lediglich den Druck, wenn eine Handlung nicht zum gewünschten Ergebnis führt.
Mehr Anstrengung führt jedoch nicht automatisch zu einer besseren Lösung. Manchmal verstärkt sie nur das bestehende Problem.
„Be water“ bedeutet deshalb nicht, sich allem anzupassen und die eigene Haltung aufzugeben. Wasser verändert seine äußere Form, ohne seine grundlegende Natur zu verlieren.
Übertragen auf unser Handeln heißt das: Das Prinzip bleibt bestehen, während sich seine Umsetzung verändern darf.
Unsere Werte, unsere Verantwortung und unsere Absicht geben die Richtung vor. Die konkrete Handlung entsteht aus dem jeweiligen Moment. So wird Anpassungsfähigkeit nicht zu Beliebigkeit, sondern zu einer Form von Klarheit.
Mein verstorbener Jeet-Kune-Do-Lehrer Jerry Poteet, der direkt bei Bruce Lee trainierte, erzählte mir von einer Aufgabe, die Bruce ihm während des Trainings stellte. Er sollte eine Aussage finden, die unter allen Umständen wahr bleibt.
Jerry wusste zunächst keine Antwort. Bruce gab ihm eine Woche Zeit, darüber nachzudenken. Als er danach noch immer keine Lösung hatte, sagte Bruce sinngemäß:
„Nichts ist so beständig wie der Wandel.“
Ob im Zweikampf, im Training oder im Leben: Bedingungen verändern sich fortwährend. Wer versucht, Sicherheit allein durch feste Antworten zu gewinnen, wird irgendwann von der Wirklichkeit eingeholt.
Das Ziel des Trainings besteht daher nicht darin, jede denkbare Situation im Voraus zu kennen. Es besteht darin, sich selbst so zu entwickeln, dass man auch im Unbekannten wahrnehmen, entscheiden und handeln kann.
Bei NGM lässt sich dieser Weg in drei Schritten beschreiben: zunächst verstehen, dann erfahren und schließlich frei anwenden. Die Form gibt Orientierung. Der Widerstand überprüft unser Verständnis. Die freie Anwendung zeigt, was davon tatsächlich verfügbar geworden ist.
„Be water, my friend“ ist deshalb keine Aufforderung, einfach nur locker oder geschmeidig zu sein.
Es ist eine Aufforderung, wach zu bleiben.
Klar in der Wahrnehmung.
Stabil im Prinzip.
Beweglich in der Form.
Direkt im Handeln.
So wird Technik nicht zum Gefängnis, sondern zum Werkzeug. Und aus Kampfkunst wird ein Weg zu wirklicher Freiheit des Handelns.
Be water my friend